Therapeuten auf vier Pfoten:
So helfen die geretteten Hunde von Renate Thyssen-Henne traumatisierten Kindern und Jugendlichen aus München
Seine blitzeblauen Augen funkeln wie der Schmuckstecker, die er in beiden Ohrläppchen trägt. Vergnügt lockt Alex mit einem Stück Würstl einen Schäferhund-Mischling zu sich heran, tätschelt dem Tier lebevoll Kopf und Flanken und tollt dann mit ihm über die große Auslauf-Wiese. Für einen Moment hat der 15-Jährige aus München seine jugendlich-coole Würde sausen lassen, ist wieder ganz Kind, das fröhlich das Zusammensein mit einem Tier genießt.
Zufrieden sehen ihm Renate Thyssen-Henne und ihre Tochter Dr. Gabriele Inaara Begum Aga Khan zu. Genau diesen unbeschwerten Moment haben sich die Unternehmerin und die Prinzessin für Alex und 27 weitere Kinder aus München erhofft.
Renate Thyssen-Henne hatte die Buben und Mädchen im Alter von 10-17 Jahren auf ihren "Sonnenhof" nahe Weilheim, einem Heim für geschundene Straßenhunde aus Teneriffa, eingeladen. Die momentan 42 Vierbeiner nennt sie liebevoll "ihre kleinen Therapeuten". Denn die Tiere, die die Unternehmerin mit ihrem Verein SOS PROJECTS vor Qualen und vor Tod bewahrt hat, geben jetzt ihre Zuneigung und Lebensfreude an Menschen weiter. Etwas, das die Münchner Kinder dringend brauchen, denn alle haben in ihrem jungen Leben schon schreckliches erfahren. Sie wurden von ihren Angehörigen geschlagen, sexuell missbraucht oder bekamen brutale Auseinandersetzungen in ihrer Familie mit.
Alex musste, als Elfjähriger miterleben, wie seine über alles geliebte Mutter erstochen wurde von seinem Vater! Mit einem Schlag hatte der Bub alles verloren: sein Zuhause und den liebsten Menschen in seinem Leben. Doch Alex hatte Glück im Unglück. Er fand in dem Polizeibeamten, der ihn damals im Münchner Kommissariat 314 betreute, nicht nur einen Freund und Vertrauten, sondern schließlich auch einen neuen "Dad", wie ihn der Bub lässig nennt.
Seit 2 Jahren ist Kriminalbeamter Carlos Benede (40) nun schon der Adoptiv-Vater des Gymnasiasten. Benede, der Alex allein aufzieht: "Ich habe ihn als verschüchterten Buben, der nicht mehr lachen konnte, kennen gelernt. Über kleine Ausflüge zum Eisessen oder eine Fahrt im Streifenwagen und viele lange Gespräche wuchsen die beiden zusammen. Heute sind Alex seine schlimmen Erfahrungen nicht mehr anzumerken. Er ist aufgeschlossen und lebensfroh, kann das, was ihm passiert ist, freimütig erzählen: "Es macht mir nichts aus, darüber zu reden".
Geholfen haben dem Buben sicher auch Bobtail Taps sowie die beiden Katzen, die bei ihm und seinem neuen Vater leben. Der Besuch auf dem "Sonnenhof" den das Polizeipräsidium München und der Lions Club München als Teil eines Ausflugswochenendes nach Brixen organisiert hatten, hält Carlos Benede deshalb für sehr wichtig:"Das ist eine ganz tolle Sache für benachteiligte Kinder. Sie haben alle Leid erfahren und Tiere können wirklich Therapiehelfer sein. Viele Kinder, die Opfer von Gewalt wurden, lieben Tiere und fassen Vertrauen zu ihnen".
Um den Buben und Mädchen einen schönen Tag zu bereiten, hatte sich Renate Tyssen-Henne und die Begum große Mühe gemacht. Neben der Führung über den Sonnenhof und der Kuschel- und Spielstunde mit den Hunden auf der Wiese hatten sie einen Zauberer engagiert, ein Quiz veranstaltet und eine leckere Brotzeit vorbereitet. Renate Thyssen-Henne:"Wir alle hoffen sehr, dass euch Kindern der Ausflug zu uns gefällt". Ihr Ziel war es auch, die Jugend für Tiere und Umwelt zu sensibilisieren und den Kontakt zu Tieren als positive, wohltuende Erfahrung zu vermitteln. Neben ihrer Tochter standen ihr beim Tag der Kinder auf dem Sonnenhof prominente Freunde zur Seite. So waren Fernsehstar Caroline Reiber und die Schauspielerin Grit und Nicole Boettcher in den malerischen Pfaffenwinkel gereist. Grit Boettcher weiß, welche liebevollen Zeitgenossen die Sonnenhof-Hunde sind. Die 65jährige hat einen der Findelhunde von Teneriffa bei sich aufgenommen. Mit viel Geduld hatte sie sich die Zuneigung von Mischling Orso, der auf der Insel mehrfach angefahren worden war, erarbeitet. Doch es hat sich gelohnt. Grit: "Heute gibt er die Liebe dreifach zurück".
Alex war von seinem Besuch auf dem Sonnenhof schwer begeistert: "Es ist wirklich ganz toll hier". Einer der Vierbeiner hatte es dem 15jährigen dabei besonders angetan: Loryn. Die kleine wuschlige Hündin, die nicht mehr sehen kann, hätte er am liebsten sofort mitgenommen. Er kuschelte so demonstrativ mit ihr, dass Papa Carlos um ein Haar weich geworden wäre. Aber noch ein Hund in ihrem Zwei-Männerhaushalt geht leider nicht.
Nach gut zwei Stunden auf dem Sonnenhof hieß es für die Buben und Mädchen aus München Abschied nehmen. Sie reisten begleitet von Polizeibeamten und Pädagogen im Bus weiter nach Brixen, wo sie ein Ferien-Wochenende mit Bergwandern, Schwimmen und Spielen erwartete.
Carmen Krippl TZ 28.06.04 Seite 14 Report